Mirco

Soeben habe ich das Leseexemplar dieses Buches – nur unterbrochen von einem Mittagessen – in einem Durchgang gelesen.

Vielleicht ist es nicht richtig, nun sofort meine Gedanken über und zu diesem Buch niederzuschreiben. Dennoch will ich dieses Experiment wagen.

In diesem Buch erzählen Sandra und Reinhard Schlitter zusammen mit Christoph Fasel die Geschichte ihres zehnjährigen Sohnes Mirco. Mircos Geschichte ging im Herbst 2010 durch alle Medien und bewegte ganz Deutschland. Das Verschwinden dieses Jungen löste die bis dahin größte polizeiliche Suchaktion der Bundesrepublik Deutschland aus und fand mit dem Fund des toten Jungen kein gutes Ende. Mirco wurde entführt, sexuell missbraucht und ermordet. Wie geht eine Mutter, wie geht ein Vater, wie geht eine ganze Familie mit so einer Situation um?

Wahrscheinlich können wir uns so etwas gar nicht vorstellen. Nicht einmal, wenn wir selber Eltern sind. Diese „Erfahrung“ muss so dermaßen heftig sein, dass man sie sich nicht einmal im Traum vorstellen kann.

Und dennoch müssen angesichts von ca. 50.000(!) Kindern, die jährlich in Deutschland verschwinden und von denen eine Vielzahl nie mehr auftaucht und für immer verschwunden bleibt, viele Eltern mit so einem Schicksal fertig werden. Geht das überhaupt?

Viele, und ich vermute, es werden die meisten von ihnen sein, zerbrechen daran. Für die meisten Leute wird dies auch nur selbstverständlich und nur allzu menschlich sein. Und dann kommt „natürlich“, wie immer, diese Frage auf: „Wie kann denn ‚euer‘ Gott, wenn er denn so toll und allmächtig ist, so etwas zulassen?“ Und: „Warum hat er denn den kleinen lebenslustigen Mirco nicht gerettet? Was ist das für ein Gott?“

Auch das Ehepaar Schlitter kann diese Frage nicht beantworten. Sie kann nur die Geschichte ihres Sohnes erzählen. Sie können davon berichten, wie sie beide in christlichen Elternhäusern aufgewachsen sind und sich dann auch selbst und ganz bewußt zum Glauben an Jesus Christus bekannt haben. Sie können davon erzählen, wie Mirco innerhalb ihrer Familie aufgewachsen ist, auch wenn er mit seinen zehn Jahren noch mitten im Aufwachsen war. Sie können davon erzählen, wie es war, als Mirco an jenem Freitagabend im September 2010 nicht nach Hause gekommen war. Sie können davon erzählen, wie sie sich nach anfänglichen, eigenen Suchaktionen an die Polizei gewandt hatten. Sie können davon berichten, wie das Leben, ihr bisheriges Leben, mit einem Mal aus den Fugen geraten ist und sich nur noch um ihren vermissten Jungen drehte.

Sie berichten aber auch davon, dass sie in diesen gem. ihres Trauversprechens nicht „schweren Tagen“, sondern sogar „schwersten Tagen“ ihrer Ehe zusammen gehalten haben. Sie berichten davon, wie sie Hilfe von Polizei und Behörden erhalten haben. Sie berichten davon, dass ihre Gemeinde und Menschen aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland für Mircos Heimkehr gebetet haben. Sie berichten davon, wie ihr eigenes Gebet ihnen Kraft gegeben hat. Sie beschreiben, wie die Menschen in ihrem Heimatort und auch in der ganzen Republik versuchten mit diesen Geschehnissen umzugehen. Die einen mit Forderungen nach öffentlicher Erschießung des Täters, die anderen mit dem Vorwurf Schlitters wollten sich mit dem Fernsehaufruf an Mircos Entführer nur „aufspielen“. Allen ist doch nur gemein, dass sie im Grunde genommen hilflos so einer Tat gegenüber standen und stehen.

Schlitters berichten im vorliegenden Buch darüber, wie sie damit umgehen konnten, dem Mörder Mircos vor Gericht zu begegnen. Und sie berichten darüber – und das hat und wird viele Menschen in Deutschland sehr irritieren – dem Mörder vergeben konnten und für ihn beten.

Für Menschen, die nicht im Glauben stehen, muss so ein Verhalten geradezu durchgeknallt erscheinen. Hat „man“ in solchen Fällen nicht „immer“ Wut und Hass im Bauch? Möchte man „dieses Tier“ nicht auf der Stelle erschlagen?

Nicht hier.

Und so beantworten Schlitters die bereits Eingangs gestellte Frage, wie Gott so etwas zulassen könne:

[Zitat Anfang]
„Ja, Gott hätte Mirco beschützen können. Aber wir leben in einer sehr unperfekten Welt. Gott hat den Menschen einen freien Willen gegeben, und sie können sich entscheiden, auch unvorstellbar Böses zu tun.“
Und das hat Mircos Mörder getan. Nicht Gott.
Sicher, Gott, hätte es verhindern können, aber dann müsste er ja auch sonst alles verhindern, was Menschen aus ihrem freien Willen heraus tun, obwohl es nicht gut ist. Und dann wäre nicht mehr viel übrig von diesem freien Willen.
Wenn es uns gut geht und uns Dinge gelingen, jubeln wir, wie toll wir das wieder mal hingekriegt haben. Doch wenn es uns einmal schlecht geht – ist es dann automatisch Gott gewesen?
[Zitat Ende]

Ich denke, diese Art mit solch sicherlich schlimmen Ereignissen umzugehen, macht den Unterschied aus zwischen Menschen, die an den liebenden Gott, wie er uns in der Bibel nahekommt, glauben und denen, die keinen Halt im Leben haben und den Sinn unseres Daseins nicht sehen können. Das soll nun kein Urteil über „Ungläubige“ sein! Vielleicht haben sie ja noch nie etwas von Jesus Christus gehört oder haben sich bewußt gegen ihn entschieden. Wir sprachen schon über den freien Willen. Auch das gehört dazu.

Aber es zeigt auch, dass der Glaube an Jesus Christus gut für uns ist. Denn er gibt uns einen Grund, eine Basis und Halt. Gerade auch in schweren und schwersten Stunden.

Und Gebete, auch das wird in diesen bewegenden Buch deutlich, sind nicht nur Worte, die man dahersagt. Gebet bewirkt etwas. Und je mehr Menschen beten, desto mehr bewirkt das Gebet.

Das durften Schlitters in den schweren Monaten erfahren. Ebenso wie die Menschen, die mit und für sie gebetet haben.

„Mirco“ ist ein außergewöhnliches Buch. „Mirco“ ist ein mutmachendes Buch. Obwohl man manches Mal das Gefühl hat, „die Menschen“ sind nur noch egoistisch und kalt und auf ihren Vorteil bedacht. Immer wieder zeigt sich in solchen Extremsituationen wie viel Mitgefühl in Deutschland möglich ist. Und das macht Hoffnung!

Empfehlung: unbedingt lesen!

Bis demnächst

Andreas

Inhaber DER christlichen Buchhandlung im Großraum Wolfsburg, Gifhorn, Braunschweig, Helmstedt. Fallersleben, Bahnhofstr. 10. Öffnungszeiten: Mo – Fr 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr Sa 9.00 Uhr bis 13.00 Uhr, Tel. 05362 126280

Mirco

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